Projektentstehung

Im Sommer 1999 beschloss die Arbeitsgemeinschaft für Urgeschichtsforschung in der Schweiz (AGUS) ihr nächstes Kolloquium den Bildern zu widmen, auf denen Menschen der Urgeschichte dargestellt sind. Obwohl diese Zeichnungen, Gemälde und Modelle in der Archäologie allgegenwärtig sind, hatte sich in der Schweiz noch niemand mit ihnen auseinandergesetzt.

Bei der Suche nach möglichen ReferentInnen für die geplante Tagung zeigte sich bald, dass niemand einen Überblick über die in unzähligen Büchern und Zeitschriften veröffentlichten Bilder besass. Aus dieser Situation entstand das Projekt, diese „Lebensbilder“ zu sammeln und über das Internet zugänglich zu machen. Eine Arbeitsgruppe von Freiwilligen aus den Reihen der AGUS begann nun, Bibliotheken und Museen systematisch zu durchforsten (Irmgard Bauer, Madeleine Betschart, Peter Jud, Gilbert Kaenel, Marc-Antoine Kaeser, Catherine Masserey, Catherine Leuzinger-Piccand, Denis Ramseyer, Brigitte Röder).

Im Frühjahr 2001 fand die geplante Tagung in Zug statt. Zahlreiche Fachleute aus dem In- und Ausland folgten mit Spannung den Vorträgen, welche das Thema „Lebensbilder“ aus unterschiedlicher und oft überraschender Perspektive untersuchten. Der Erfolg der Tagung zeigte sich auch in den intensiven und oft emotional geführten Diskussionen.*

Unterdessen war klar geworden, dass es in der Schweiz Hunderte von Lebensbildern gibt, und dass unser Datenbank-Projekt nur mit Freiwilligenarbeit nicht zu realisieren war. Im April 2001 konnte eine partnerschaftliche Vereinbarung mit dem Schweizerischen Landesmuseum Zürich getroffen werden, das die Realisierung der Datenbank übernahm.

*) Die Akten des Kolloquiums sind publiziert und können beim Kantonalen Museum für Urgeschichte Zug, Hofstr. 15, CH-6300 Zug bestellt werden. (Peter Jud, Gilbert Kaenel, Lebensbilder – Scènes de vie. Lausanne 2002).


Reflexionen und Standpunkte

Unter den Archäologinnen und Archäologen wächst die Einsicht, dass wir keine absoluten Wahrheiten zu verkünden haben, sondern nur Interpretationen mit einer beschränkten Gültigkeitsdauer. Wie können wir das dem Publikum verständlich machen, ohne uns aus der Verantwortung zu stehlen? Mehrfach wurde vorgeschlagen, dem Publikum jeweils mehrere verschiedene Bildvarianten zum gleichen Thema vorzuschlagen, und den Betrachterinnen und Betrachtern so eine aktive Auswahl zu ermöglichen.

Aber das Publikum ist längst nicht so passiv, wie wir oft annehmen. Unsere Bilder machen sich in den Köpfen der Leute selbständig, sie entgleiten unserer Kontrolle. Überhaupt haben die Bilder eine beunruhigende Fähigkeit, die von uns gesetzten Schranken zu überschreiten. Während wir in den archäologischen Texten, den Laien oft weder zugänglich noch verständlich, in stiller Übereinkunft heikle Bereiche (wie die Geschlechterfrage oder ethnische Zuschreibungen) meiden, müssen wir in den Bildern, um glaubwürdig zu wirken, unseren Gedanken und damit auch den urgeschichtlichen Menschen bedeutend mehr Freiheit gewähren. Trotzdem ist in den archäologischen Lebensbildern das Wirken einer stetigen Selbstzensur nicht zu übersehen. Wir präsentieren im allgemeinen eine keimfreie, heile Welt, in der Furcht, Armut, Krankheit, Kälte, Dreck, Ausbeutung, Missbrauch und Unterdrückung, aber auch Liebe, Hass und Begierde keinen Platz haben. Kein Wunder, dass auf vielen Bildern die urgeschichtlichen Menschen seltsam dröge wirken, wie an ihrem eigenen Dasein desinteressiert, als warteten sie auf den Zeitpunkt, wo sie endlich mit Hilfe der Schrift ihre Gefühle selber mitteilen dürfen. Aus der Verbindung von archäologischer Detailtreue und idealisierter Wirklichkeit entstehen zuweilen Bilder, die, kunstkritisch gesehen, zweifellos in Richtung Kitsch abgleiten.

Immer wieder führt uns also die Diskussion um die Lebensbilder zurück zu den Fragen, welche sich die moderne Archäologie stellen muss. Was wollen wir? Was ist unser Auftrag? Wie berichten wir über die Ergebnisse unserer Forschungen? Welche Bilder und Vorstellungen haben wir bereits in unseren Köpfen? Die Erstellung von Lebensbildern ermutigt uns dazu, von der Archäologie als Realienkunde endgültig Abschied zu nehmen und uns auf die Suche nach den urgeschichtlichen Menschen zu machen.

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